25.08.2014

Analyse Krisenkommunikation | Von #Gerigate zu #Mediengate

Aus «Gerigate» entwickelte sich innerhalb einer Woche zunehmend «Mediengate». Wie und weshalb, zeigt diese Analyse.

Am Anfang stand «Gerigate» – ein Stadtammann und Nationalrat der Grünen, der unter anderem aus dem Büro intime Bilder mit einer ominösen Chat-Freundin austauschte. Die Affäre um «Nackt-Selfies» wurde durch eine Zeitung publik gemacht und löste eine Lawine mit skandalisierenden Medienberichten und Leserkommentaren aus, deren Ende derzeit noch nicht absehbar ist.  #Gerigate ist ein Beispiel dafür, wie öffentliche Personen im digitalen Medienzeitalter selbst für rechtlich nicht relevante Vorgänge massiv unter Druck geraten können. Mit den neuzeitlichen Mechanismen zu wenig vertraut und ungenügend vorbereitet, sind Betroffene nicht in der Lage, sich schnell genug und adäquat zur Wehr zu setzen. 

Aus «Gerigate» entwickelte sich innerhalb einer Woche zunehmend «Mediengate». Die Geschichte mutierte zur Bewährungsprobe für die Medien. Je länger sie drehte, desto offensichtlicher wurde, dass im Hintergrund mehrere Medienhäuser selber in die Causa Geri Müller verstrickt sind. In der Kritik stehen deshalb auch verschiedene Chefredaktoren. Sie sind mit dem Verdacht konfrontiert, sich instrumentalisieren zu lassen und müssen zunehmend selber Krisenkommunikation anwenden. Sie tun das mit unterschiedlichen Strategien.

Ich habe den bisher einmaligen Fall zum Anlass genommen, die Krisenkommunikation der verschiedenen Hauptinvolvierten vertieft zu analysieren. Denn die «Causa Gery Müller» zeigt exemplarisch, wie Betroffene im digitalen Medienzeitalter kommunizieren sollten – oder wie eben nicht. Dabei kommt man nicht um eine Medienkritik herum, weil auch die Medien durchsichtiger werden. Transparenz ist in der modernen Krisenkommunikation zwingend erforderlich. 

Lesen Sie im Krisenblog, weshalb Manipulationen und Vertuschung wenig Überlebenschancen haben.

Wie kann sich ein Kommunikationsberater dermassen medienkritisch äussern?, werden sich manche Leser des Beitrags fragen. Ganz einfach: Ich respektiere in meiner Beratungstätigkeit die anspruchsvolle Arbeit der Medienschaffenden, die meistens unter Druck eine wirklich schwierige Aufgabe erfüllen. Gleichzeitig darf man erwarten, dass die Medienschaffenden ihre Verantwortung und Sorgfaltspflichten ernst nehmen. Ich kenne aus meinen früheren Jobs viele Journalistinnen und Journalisten. Doch ich nutze das «Netzwerk» seit fünf Jahren bewusst nicht. Denn ich bin überzeugt, dass Manipulationen oder Beeinflussungen weder unseren Mandanten noch den Medien auf lange Sicht dienen, im Gegenteil sogar kontraproduktiv sind. 

Deshalb wirke ich stets darauf hin, dass alle Medien möglichst gleichbehandelt werden, wenn ich Mandanten in schwierigen Situationen betreue. Nur so lässt sich nachhaltig Glaubwürdigkeit erarbeiten. Mit faulen PR-Tricks alter Schule sind höchstens kurzfristige Erfolge zu erzielen. Das liegt nicht im Interesse der Mandanten, die ich möglichst rasch und gestärkt aus einer kommunikativen Krise führen will. 

Roland Binz